1. Mai in Berlin
Wenn es nur um Randale und Spektakel geht
Die Polizei hat bei den diesjährigen 1. Mai-Tagen vor allem den Mauerpark in Prenzlauer Berg im Visier. Rund 6000 Beamte werden in ganz Berlin im Dienst sein. Polizeihauptkommissar Sven S. ist einer von ihnen.
Von Peter Oldenburger und Maren Wittge
Wenn sich andere Familienväter am Maifeiertag zum Ausflug ins Grüne oder für ein Grillfest rüsten, haben Berliner Bereitschaftspolizisten längst die Dienstuniform angezogen und stehen im Einsatz. So auch Polizeihauptkommissar Sven S. (34). Für ihn wird es bereits der zehnte Einsatz an einem 1. Mai sein. Dennoch jammert der Vater von neun Monate alten Zwillingen nicht. „Das gehört nun mal zu meinen Dienstpflichten. Und ich bin für solche Einsätze ausgebildet“, sagt der seit vier Jahren verheiratete Beamte der 24. Einsatzhundertschaft. Am Freitagnachmittag waren Sven S. und sein Kollege Florian Sch. (26) bereits am Mauerpark in Prenzlauer Berg postiert. Ihr Auftakt für das 1. Mai-Wochenende.
Ein Großaufgebot von 6000 Beamten soll am Sonntag Krawalle verhindern. Sven S. wird die Nacht zuvor in der Polizeikaserne an der Schulzendorfer Straße verbringen und mit seiner Einheit kurzfristig dorthin beordert werden, wo immer die Einsatzleitung es für notwendig erachtet. Zunächst hatte die Polizeiführung 1000 Kräfte weniger vorgesehen. Die höhere Zahl habe sich dann in den Feinplanungen ergeben. Polizeisprecher Thomas Neuendorf sagte, die Polizei sei gut aufgestellt und halte sich zurück, solange es friedlich bleibt. Gegen Gewalttäter werde aber konsequent und schnell vorgegangen. „Diese Doppelstrategie hat sich bewährt“, so Neuendorf.
Zur ersten Belastungsprobe für die Polizei könnte es in der Nacht zum Sonntag im Zuge der Walpurgisnacht-Feiern kommen. In Friedrichshain wird es am Abend am Wismarer Platz eine Kundgebung geben, weil der gewohnte Standort am Boxhagener Platz nicht zur Verfügung steht. Glasflaschen sind nicht erlaubt, zudem gelten zahlreiche Parkverbote. Die Polizei will Taschenkontrollen durchführen.
Im Visier der Sicherheitsbehörden steht an diesem Abend auch der Mauerpark, häufig Ort ausschweifender Feiern, wo die Polizei das Verbot von Lagerfeuern, Pyrotechnik und Flaschen durchsetzen muss. Erschwert wird die Lage durch den Umstand, dass Sonnabend gleich neben dem Park in der Max-Schmeling-Halle ein Konzert mit dem türkischen Popstar und Frauenschwarm Tarkan stattfindet und in vielen Straßen ringsum Parkverbote gelten. Nur Konzertkarteninhaber gelangen am Kontrollpunkt Falkplatz Ecke Gaudystraße zum Hallengelände.
Schon am Sonnabend werden Sven S. als stellvertretender Zugführer und Florian Sch. von 16.30 Uhr an die Demonstration am Rosenthaler Platz in Mitte begleiten. Dort treffen die Beamten nach Einschätzung des polizeilichen Lagedienstes auf bis zu 800 politisch linksextrem orientierte Demo-Teilnehmer. Sie protestieren unter dem Motto „Wir bleiben alle“ gegen die Verdrängung linker Projekte und sozial schwacher Bewohner aus Sanierungsgebieten. Ausschreitungen gelten schon dort als nicht ausgeschlossen. Polizeiobermeister Florian Sch. kann die Gewaltbereitschaft vieler Demonstranten nicht verstehen. „Es wäre besser, wenn diese Leute ihr Anliegen mit legitimen Mitteln vertreten würden“, sagt der 26-Jährige, der wie sein Vorgesetzter in Brandenburg wohnt. Angst vor Übergriffen von Demonstranten habe er nicht, auch sei er bei seinen bisherigen Mai-Einsätzen noch nie verletzt worden. „Gefährlich kann es auch an jedem anderen Tag im Jahr werden. Schade ist nur, dass zum 1. Mai bei vielen Demonstrationsteilnehmern nur das Spektakel und die Randale im Mittelpunkt stehen“, sagt der Polizeiobermeister.
Viel Arbeit erwartet die Beamten während und nach der „Revolutionären 18-Uhr-Demonstration“, die von der Kottbusser Brücke und den Hermannplatz bis zum Südstern führen wird. In früheren Jahren kam es immer wieder nach den Kundgebungen zu schweren Ausschreitungen und Angriffen gegen Polizisten.
Offen ist noch, ob sich linksextreme Kleingruppen wie angekündigt jenseits der großen Demos treffen, um Straftaten zu begehen. So wie in der Nacht zu Freitag, als Unbekannte in der Bäkestraße in Lichterfelde unter zwei Autos Brandsätze zündeten. Ein Passant konnte gegen 3 Uhr die Brandsätze unter einem Land Rover und einen Nissan hervorziehen und Schlimmeres verhindern.
Florian Sch. wird wie sein stellvertretender Zugführer die kurzen Ruhezeiten zwischen den Einsatznächten in der Kaserne in Reinickendorf verbringen und seine Frau am Telefon informieren, was sich ereignet hat. Genauso hält es Polizeikommissar Sven S. Er wird wie immer mit der Mutter seiner Jungen telefonieren, wenn sich eine Heimfahrt in den Süden Brandenburgs mal wieder nicht lohnt. Bei der Vorbereitung auf den Einsatz sinniert der 34-Jährige auch mal über den Grundgedanken des 1. Mai als Tag der Arbeit, bei dem es um soziale Unterschiede und deren Überwindung geht. „Das ist ein Anliegen, das auch viele Kollegen beschäftigt.“
Als Entlastung für die in Berlin eingesetzten Sicherheitskräfte sehen es die Bereitschaftspolizisten an, dass, anders als im Vorjahr, kein Aufzug von Rechtsextremisten in Berlin stattfinden wird. Diese Klientel trifft sich am Wochenende in Bremen, Halle, Heilbronn und Greifswald. „Deshalb und weil die Gewalt in den vergangenen Jahren nachgelassen hat, gehe ich zuversichtlich in das Wochenende“, sagt Sven S.
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