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02.05.10

Kommentar

Warum der 1. Mai 2010 in Berlin so ruhig war

Trotz vereinzelter Gewalttätigkeiten war der 1. Mai 2010 ein bemerkenswert ruhiger Tag. Bürger und Einsatzkräfte haben offenbar einiges aus den verunglückten Operationen der vergangenen Jahre gelernt, meint Morgenpost-Autor Hajo Schumacher.

Mal angenommen, ein Marsmensch landete mit seinem Raumschiff am Abend des 1. Mai irgendwo in Berlin. Der Außerirdische wüsste nichts von den merkwürdigen Ritualen, die sich seit fast einem Vierteljahrhundert alljährlich in der deutschen Hauptstadt abspielen. Womöglich würde der Marsianer eine entwaffnend naive Frage stellen: Wenn die Entscheider der Stadt wissen, dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Gewalt kommt; wenn demokratiefeindliche Gruppen nichts als Provokation im Sinn haben, den sie über Monate generalstabsmäßig vorbereiten, wenn die Bürger die Nase voll haben von der Randale – warum setzt die Stadt dann nicht alles daran, jede Art von Krawall konsequent zu unterbinden?

Für den 1. Mai 2010 haben Bürger und Einsatzkräfte offenbar einiges aus den verunglückten Operationen der vergangenen Jahre gelernt. Mit bemerkenswerter Konsequenz wurden fast 300 Neonazis, die sich auf dem Kudamm, weit abseits des genehmigten Wegs, versammelt hatten, festgenommen und abtransportiert. Blockierfreudige Bürger assistierten eindrucksvoll dabei, den geplanten Demonstrationsweg zu verbauen.

Die große Koalition aus Bürgern und Uniformierten schien auf der Gegenseite Eindruck hinterlassen zu haben. Die Gegendemonstration in Kreuzberg, die vergangenes Jahr noch Initialzündung für schwere Krawalle gewesen war, verlief auch nach dem offiziellen Ende vergleichsweise ruhig. Der gemeinsame Feind, die Glatze, war in Schach gehalten worden; sämtlichen Verschwörungstheorien waren damit hinfällig. Trotz vereinzelter Gewalttätigkeiten war es ein bemerkenswert ruhiger Tag.

Die vorläufige Bilanz eines 1. Mai, der vorab vielfach zur blutigen Schlacht hochgeputscht worden war: Der großen Mehrheit der Berliner schien der Sinn nicht nach Rabatz zu stehen, sondern nach einer Demonstration entschlossener Gelassenheit. Keiner Gruppe gelang es in diesem Jahr, die Stadt zu radikalisieren.

Offenbar haben sich die Frontstellungen verändert. Galt früher die Polizei vielen als der große Feind, scheinen es inzwischen die, oftmals angereisten, Krawallprofis zu sein, gegen die sich der Unmut der Mehrheit richtet. Möglich, dass das absurde Gesellschaftsspiel der vergangenen Jahre, als es vor allem darum ging, die Grenzen des Staats und seiner Bürger auszutesten, so langsam seinen Reiz verliert. Schließlich hatte der 1. Mai seine politischen Traditionen längst eingebüßt; vielmehr herrscht ein von der Mehrheit verabscheuter Ausnahmezustand.

Dass Tausende friedliche Blockierer den Marsch der Neonazis verhinderten, illustriert den verbreiteten Überdruss eindrucksvoll. Ein breites Bündnis aus Bürgern und Gesetzeshütern hat die Stadt verteidigt und den Beweis erbracht, dass Radikale gegen Konsequenz, Besonnenheit und Engagement keine Chance haben.

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